© i-stock

Damals, als es noch Alleinerziehende gab

Es ist Dienstag, 6.40 Uhr. Als Leila zur Frühschicht aufbricht, schläft ihre Tochter noch. In der Wohnung gegenüber wohnt Flo. Später wird Flo mit den Kindern frühstücken und sie zur Schule begleiten. Leila übernimmt dann am Freitag den gemeinsamen Mittagstisch. Am Nachmittag ist ein Pädagoge im Gemeinschaftsraum des Wohnhauses. Sollte Leilas Dienst länger dauern, muss Leila weder um eine Ausnahme bitten, noch hektisch fünf Personen anrufen. Die Sorgegemeinschaft ist keine private Notlösung. Sie gehört zur sozialen Infrastruktur des Viertels.

Auch der Betrieb, in dem Leila mitarbeitet, ist Teil dieser Infrastruktur. Dienstpläne werden mit ausreichendem Vorlauf erstellt. Beschäftigte mit Sorgeverantwortung haben garantierte Mitspracherechte. Arbeitszeiten können in bestimmten Lebensphasen reduziert und später wieder aufgestockt werden. Das Unternehmen bezeichnet das nicht als „Entgegenkommen gegenüber Frauen“. Es nennt es verantwortungsvolles Unternehmertum und Sicherung seiner Wertschöpfung.

Leila lebt allein mit ihrer Tochter. „Alleinerziehend“ nennt sie trotzdem niemand.

Wir schreiben das Jahr 2055. Der Begriff findet sich vor allem in historischen Texten. Er bezeichnete Menschen, die mit ihren Kindern in einem Haushalt lebten und denen die Gesellschaft zumutete, Einkommen, Erziehung, Betreuung, Haushalt und emotionale Verantwortung weitgehend allein zu bewältigen.

2055 wirkt das Wort merkwürdig. Nicht weil Eltern nun immer in Paarbeziehungen leben. Sondern weil wir aufgehört haben, Haushaltsform und Sorgeverantwortung miteinander zu verwechseln. Ein Elternteil kann allein mit einem Kind wohnen. Aber kein Kind wird allein großgezogen.

Wann sich das verändert hat, lässt sich schwer sagen. Vielleicht begann es, als wir Wirtschaft nicht mehr nur als das verstanden, was gegen Geld getauscht wird. Vielleicht, als Unternehmen erkannten, dass sie nicht Eltern unterstützen, sondern, dass Betriebe ein Teil eines Wirtschaftskreislaufes sind und nicht der Dreh- und Angelpunkt. Vielleicht auch, als wir aufhörten, Care-Arbeiten als private Aufgaben zu behandeln und begannen, sie als gemeinsame Voraussetzung unseres Lebens und Grundauftrag des Wirtschaftens zu organisieren.

Ein Wort, das vom Alleinlassen erzählt

Noch leben wir nicht in dieser Zukunft. Der Begriff „alleinerziehend“ verrät aber schon heute etwas über unsere gesellschaftliche Ordnung. Denn kann ein Mensch ein Kind tatsächlich allein erziehen? Menschliches Aufwachsen war immer gemeinschaftlich. Kinder brauchen Beziehungen, verlässliche Erwachsene, Bildungsorte und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Auch Eltern brauchen Unterstützung, Ablösung und Menschen, die Verantwortung mittragen.

„Alleinerziehend“ beschreibt deshalb weniger eine Eigenschaft von Eltern als einen politischen Zustand: Menschen erziehen nicht allein. Sie werden mit der Verantwortung alleingelassen.

Laut Statistik Austria sind 48 Prozent der Menschen in Ein-Eltern-Haushalten armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Unter den ausgewiesenen Haushaltstypen weist keiner ein höheres Risiko auf. Das ist kein Hinweis darauf, dass diese Eltern zu wenig leisten. Im Gegenteil: Sie führen Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung, Haushaltsführung, Beziehungsarbeit und Alltagsorganisation in einer Person zusammen. Ihre Überlastung ist kein individuelles Versagen. Sie ist eine präzise Zustandsbeschreibung unserer Wirtschaftsordnung.

Dass zunehmend auch Männer alleinerziehende Väter sind, bedeutet nicht, dass es weniger Alleinerziehende gibt. Es verändert zunächst nur, wer allein sorgt, nicht das Muster der Alleinzuständigkeit. Patriarchale Zustände zeigen sich nicht nur die Verteilung zwischen den Geschlechtern, sondern, dass Care-Arbeiten abgewertet und zu einer vermeintlich privaten Angelegenheit gemacht werden. Gleichstellung heißt nicht, dass andere allein gelassen werden.

Durch die Feminisierung von Care-Arbeit und ihre Verlagerung in die privaten Haushalte arbeiten Frauen mehr, jedoch mehr unbezahlt, verdienen im Durchschnitt weniger, arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Berufen und erfahren im Lauf ihres Lebens mehrere, einander verstärkende ökonomische Nachteile: von Einkommensverlusten durch Care-Arbeit bis zu geringeren Löhnen und niedrigeren Pensionsansprüchen. Sie sind einem deutlich höheren Risiko für Altersarmut ausgesetzt.

 

Alleinerziehende sind das Brennglas eines Wirtschaftsverständnisses, das unbezahlte Care-Arbeit voraussetzt und zugleich unsichtbar macht. Ihre Situation legt eine verborgene Voraussetzung unseres Systems offen: Unsere Wirtschaft kalkuliert mit einer Person im Hintergrund, die einspringt, wenn ein Kind krank wird, Betreuung ausfällt oder ein Arbeitstag länger dauert. In Ein-Eltern-Familien fehlt dieses selbstverständliche Back-up. Genau dadurch tritt offen zutage, worauf das System in anderen Haushalten stillschweigend baut.

Die unsichtbare Grundlage der Wertschöpfung

Erwerbsarbeit ist nur möglich, weil Menschen versorgt, erzogen, gepflegt und emotional begleitet werden. Unternehmen können auf arbeitsfähige, ausgebildete und sozial kompetente Beschäftigte zurückgreifen, weil andere Care-Arbeit leisten. Einen beträchtlichen Teil ihrer Voraussetzungen erzeugt die Erwerbswirtschaft also nicht selbst.

58 Prozent der Gesamtarbeitszeit, die unsere Volkswirtschaft trägt, wird unbezahlt geleistet – als Care- und Freiwilligenarbeit. Nur 42 Prozent entfallen auf bezahlte Erwerbsarbeit. Die deutsche Soziologin und Arbeitsmarktforscherin Jutta Allmendinger fordert dafür einen neuen Arbeitsbegriff, der neben Erwerbsarbeit auch Sorge, Bildung und gesellschaftliches Engagement umfasst. Denn solange nur Erwerbsstunden als eigentliche Arbeit gelten, erscheinen alle anderen notwendigen Tätigkeiten als private Unterbrechung eines ansonsten „normalen“ Berufslebens.

 

Trotzdem unterscheiden wir zwischen Arbeit, die als produktiv gilt, und Tätigkeiten, die dem Privaten zugerechnet werden. Was verkauft, verrechnet und im Bruttoinlandsprodukt erfasst wird – egal, ob gesund oder schädlich – erscheint als Wertschöpfung. Ein Kind zu trösten, einen Angehörigen zu pflegen oder Beziehungen zusammenzuhalten, erscheint dagegen als persönliche Angelegenheit und wird in der aktuellen Wirtschaftsordnung größtenteils ignoriert.

Diese künstliche Trennung hat materielle Folgen. Frauen unter 65 leisten in Österreich durchschnittlich täglich 4 Stunden und 19 Minuten unbezahlte Arbeit, Männer 2 Stunden und 29 Minuten. Die Gesamtarbeitszeit von Frauen ist dennoch etwas höher. Bezahlt wird vor allem jener Teil der Arbeit, den Männer häufiger übernehmen. Aus einer ungleichen Verteilung von Tätigkeiten entsteht eine ungleiche Verteilung von Einkommen, Sicherheit, Pensionen und Gestaltungsmacht.

Wir verwechseln noch immer Preis mit Wert. Was Menschen erhält, behandeln wir als Kostenfaktor. Was sich am Markt verwerten lässt, nennen wir Leistung.

Riane Eisler, eine Pionierin der Caring Economy, weist auf einen fundamentalen Widerspruch unseres Wirtschaftsverständnisses hin: Was Leben oder Natur schädigt, kann als Wertschöpfung verbucht werden – von der Waffen- und Zigarettenproduktion bis zur Beseitigung von Umweltkatastrophen. Was Leben erhält, großzieht und versorgt, bleibt dagegen vielfach unsichtbar. Eisler bezeichnet diese Logik nicht nur als unlogisch, sondern als „pathologisch“.

Nicht jede Zuwendung braucht ein Preisschild

Care-Arbeit wirtschaftlich anzuerkennen, bedeutet nicht, jede Umarmung zu bezahlen und jede Stunde mit einem Kind abzurechnen. Fürsorge lebt von Beziehung, Gegenseitigkeit und menschlicher Nähe. Ihre vollständige Monetarisierung würde jene Qualität beschädigen, die sie unverzichtbar macht. Eine Gesellschaft kann Care-Arbeit anerkennen, ohne intime Beziehungen in Dienstleistungen zu verwandeln.

Aber zwischen „nicht alles bezahlen“ und „wirtschaftlich folgenlos lassen“ liegt ein großer politischer Gestaltungsraum. Wer Kinder betreut oder Angehörige pflegt, darf dadurch keine existenzbedrohenden Nachteile bei Einkommen, Pensionsansprüchen und sozialer Absicherung haben. Dafür braucht es eine verlässliche materielle Absicherung, die Anerkennung von Care-Zeiten und eine hochwertige öffentliche Care-Infrastruktur.

Dabei geht es nicht bloß um zusätzliche staatliche Transferleistungen und auch nicht darum, Care-Arbeit lediglich als Voraussetzung für die vermeintlich „eigentliche“ Wirtschaft abzusichern. Fürsorge, Pflege und Bildung sind selbst Wirtschaft: Sie erhalten menschliches Leben, ermöglichen Entwicklung und schaffen gesellschaftliches Wohlergehen und ökonomischen Wert. Diese Leistungen anzuerkennen und die dafür notwendigen materiellen, zeitlichen und institutionellen Bedingungen herzustellen, gehört deshalb zum Kernauftrag von Wirtschaft.

Kinderbetreuung darf kein Reparaturbetrieb sein

Natürlich brauchen wir elementare Bildung- und Betreuungsangebote, die unterschiedlichen Lebensrealitäten entsprechen. Wer um sechs Uhr eine Schicht beginnt, am Samstag im Handel arbeitet oder nachts Menschen pflegt, darf nicht ohne Betreuung dastehen. Lange Öffnungszeiten und gute Lösungen für Nachtarbeit können für viele Familien existenziell sein.

Doch eine Gesellschaft, die auf jede Ausweitung der Erwerbszeiten nur mit längeren Öffnungszeiten der Kindergärten antwortet, verwechselt Symptom und Ursache. Kindergärten dürfen nicht zum Reparaturbetrieb eines Arbeitsmarktes werden, der permanente Verfügbarkeit verlangt.

Deshalb reicht die Frage „Wie müssen Kindergärten geöffnet sein, damit Eltern arbeiten können?“ nicht aus. Wir müssen zugleich fragen: „Wie muss Erwerbsarbeit gestaltet sein, damit sie zum Leben mit Kindern passt?“

Kinder haben eigene Rhythmen, Bedürfnisse und Rechte. Sie brauchen verlässliche Beziehungen und Zeit mit vertrauten Menschen. Das bedeutet nicht, institutionelle Betreuung gegen elterliche Fürsorge auszuspielen. Es bedeutet, beides von einem gemeinsamen Ziel her zu denken: einem guten Aufwachsen.

Kinderfreundliche Unternehmen sind deshalb nicht Betriebe, die Frauen ein wenig entgegenkommen. Schon diese Vorstellung hält an der alten Ordnung fest: hier die eigentliche Wertschöpfung, dort das private Problem, für das einigen Mitarbeiterinnen Ausnahmen gewährt werden.

Ein kinderfreundlicher Betrieb erkennt vielmehr, dass hochwertige Sorgefähigkeiten eine Voraussetzung seiner Wertschöpfung sind. Sie erhalten langfristig Gesundheit, Erfahrung, Bindung und Kreativität. Unternehmen unterstützen damit nicht Frauen. Sie übernehmen Verantwortung für die Grundlagen ihres eigenen betrieblichen Wirtschaftens und erkennen, dass Wirtschaft nicht im Unternehmen beginnt, sondern mit der Geburt.

Von den falschen Antworten zu den richtigen Fragen

Jedes Wirtschaftskonzept lässt sich an den Fragen erkennen, die ihr selbstverständlich erscheinen. Unsere Gegenwart fragt: Wie können Eltern trotz ihrer Kinder ausreichend arbeiten? Wie lange müssen Kindergärten geöffnet sein, damit Schichtpläne funktionieren? Wie bringen wir Alleinerziehende möglichst rasch in Vollzeit? Wie viel Care können wir uns leisten?

Eine Caring Economy fragt anders: Wie viel Erwerbsarbeit ist mit einem guten Aufwachsen vereinbar? Welche Zeit brauchen Beziehungen? Welche Arbeit erhält das Leben? Wie verteilen wir Care-Arbeit, Einkommen und Verantwortung, damit niemand durch das Sorgen für andere arm, krank oder unsichtbar wird?

Zwischen diesen Fragen liegt mehr als eine familienpolitische Reform. Es liegt ein Wechsel des Menschenbildes und vor allem ein anderes Wirtschaftsverständnis.

Der Mensch unserer aktuellen ökonomischen Modelle ist autonom, gesund, verfügbar und dauerhaft leistungsfähig. Der wirkliche Mensch kommt abhängig zur Welt. Er braucht Zuwendung, wird krank, sorgt für andere und wird alt. Nicht der fürsorgebedürftige Mensch ist die Ausnahme. Der vollständig unabhängige Mensch ist die Fiktion.

Von privaten Notlösungen zu Sorgegemeinschaften

Wenn wir Care als gesellschaftliche Infrastruktur begreifen, steht sie auf einer Ebene mit Verkehr und Energie. Care-Infrastruktur bedeutet Rechtsansprüche statt Bittstellungen, verlässliche Angebote statt Projektlogik und öffentliche Verantwortung statt privater Improvisation. Dazu gehören lokale Sorgegemeinschaften, in denen Nachbarschaft, professionelle Dienste, Bildungseinrichtungen, Gemeinden, Familien und Unternehmen Verantwortung kooperativ gestalten. Nicht alle müssen dasselbe tun. Aber Verantwortung darf nicht auf einer einzigen Beziehung, einem einzigen Einkommen oder einer einzigen, erschöpften Person ruhen.

Dafür braucht es eine doppelte Bewegung: Wir müssen öffentliche Care-Unterstützungen ausbauen, damit Sorge nicht zu privater Überforderung führt. Gleichzeitig müssen wir Erwerbsarbeit neu denken und neu organisieren, damit für Beziehungen, Erholung und Fürsorge überhaupt Zeit bleibt. Tun wir nur das Erste, machen wir die bestehende Wirtschaftsordnung effizienter. Tun wir beides, verändern wir seine Richtung.

Vielleicht wird „alleinerziehend“ eines Tages tatsächlich ein historischer Begriff sein. Nicht weil es keine Ein-Eltern-Haushalte mehr gibt, sondern weil Alleinzuständigkeit nicht länger als selbstverständlich gilt. Ein Elternteil kann allein mit einem Kind wohnen, jedoch die Verantwortung für ein gutes Aufwachsen wird gemeinsam getragen.

Diese Zukunft beginnt dort, wo wir unsere Fragen verändern. Solange wir fragen, wie Care-Arbeit in die Wirtschaft passt, bleibt die Wirtschaft das unverrückbare Zentrum, und das menschliche Leben muss sich um sie herum organisieren. Die weiterführende Frage lautet: Wie muss eine Wirtschaft beschaffen sein, die ihren eigenen Grund anerkennt, dass Menschen nur leben, lernen und arbeiten können, weil wir füreinander sorgen?

Die Zukunft beginnt nicht erst, wenn perfekte Care-Communities entstanden sind. Sie beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, zu fragen, wie viel Fürsorge sich die Wirtschaft leisten kann, und zu fragen beginnen, wie Wirtschaft ein fürsorgliches menschliches Leben möglich macht.

Bild von  Elisabeth Sechser

Elisabeth Sechser

Elisabeth Sechser ist Organisationsberaterin mit ihrem Unternehmen www.sichtart.at, Alleinerziehende, pflegende Angehörige und Gründerin von CaringEconomy.Jetzt. Weiters arbeitet sie am Institut CloseEconDataGap und macht auf ökonomische Schieflagen aufmerksam. www.caringeconomy.jetzt
Foto: © Sabine Klimpt

Wenn Alleinerziehende ungleich behandelt werden, zeigen wir das auf.

Melden Sie sich für unseren Newsletter an, um am Laufenden zu bleiben: