© Johannes Meran

Armut und Bildungschancen

Eine Lehrerin steht vor ihrer Klasse und blickt in 25 Kindergesichter. Manche schauen neugierig, manche wirken gestresst, andere abwesend und müde. Sie möchte mit allen die Vierer-Reihe üben und versucht, jedes Kind einzubeziehen. Was sie nicht weiß – und nicht wissen kann:

  • Rahima hat letzte Nacht kaum geschlafen, weil ihr großer Bruder im gemeinsamen Kinderzimmer die ganze Nacht Computer gespielt hat.
  • Die Eltern von Felix hatten in der Früh wieder einen Riesenstreit und er kann an nichts anderes denken.
  • Achmed ist gar nicht da. Er begleitet seine Mutter zum Arzt, um zu übersetzen. Er findet das furchtbar peinlich.


Jedes Kind bringt seine Geschichte in den Schulalltag mit. Wer zu Hause Geborgenheit und Unterstützung erfährt – von Eltern, die ausreichend Deutsch sprechen, Bildung als wertvollen Grundstock sehen und im österreichischen Bildungssystem orientiert sind –, kann Potenziale entfalten. Bildung wird in Österreich vererbt: Kinder aus akademischen Haushalten haben eine achtfach höhere Chance, einen Hochschulabschluss zu erreichen, als Kinder aus bildungsfernen Haushalten (Statistik Austria: Statistics Brief, Dezember 2018).

In Wiener Volksschulen sprechen 17 % der Kinder zu wenig Deutsch, um dem Unterricht folgen zu können. Das Schulsystem ist in der Krise und kann die Kinder nicht auffangen. Eltern müssten Zeit, Wissen und Geld investieren, um ihre Kinder zu fördern. Ein-Eltern-Familien in Armut stoßen an ihre Grenzen: Zeitmangel, fehlende Bildungserfahrungen, finanzielle Einschränkungen,

psychische Belastungen, Mehrfachbelastung und organisatorische Aufgaben erschweren die Unterstützung der Kinder. Fehlende Netzwerke und Ressourcen verstärken diese Hürden.

Was ist zu tun?

Expert*innen empfehlen gezielte Förderprogramme für Schüler*innen mit Deutsch-Defiziten unter Einbeziehung von Sozialarbeiter*innen. Die Eltern sollten eingebunden sein, um ein unterstützendes Umfeld zu schaffen (ÖIF-Bericht: Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Segregation 2023).

Kinder fördern und motivieren

Die Lernhilfe der NACHBARINNEN kommt jede Woche für drei Stunden zum Kind nach Hause. Sie unterstützt bei Hausaufgaben und Testvorbereitungen, hört zu, nimmt Probleme ernst, lacht, spielt und übt gemeinsam. Sie lesen gemeinsam und besuchen Büchereien oder Museen – Lernen findet auf vielfältige Weise statt. Die Lernhilfe erleichtert den Schulalltag und stärkt zusätzlich das Selbstvertrauen der Kinder, eröffnet Perspektiven und hilft, Interessen und Talente zu entdecken. Dank des ÖPA-Projekts „Schnelle Hilfen II“ können im Schuljahr 2025/2026 23 Kinder von Alleinerziehenden begleitet werden.

Eltern entlasten und informieren

Muttersprachliche Sozialassistentinnen (= NACHBARINNEN) vermitteln den Eltern – viele davon alleinerziehend – Erziehungskompetenzen, unterstützen beim Deutschlernen und erklären Grundlagen des Bildungssystems. Sie begleiten die Familien auch in allen Bereichen der sozialen Arbeit. Denn auch gesundheitliche Probleme, Existenzsorgen und Wohnungsnot führen dazu, dass Eltern ihre Kinder nicht ausreichend fördern. Auch Gleichberechtigung in der Bildungslaufbahn von Mädchen und Buben wird in den Familien thematisiert, die oft aus patriarchalen Strukturen stammen.

Jedes Kind verdient es, seine Persönlichkeit und Talente entfalten zu dürfen. Als Gesellschaft sind wir dringend darauf angewiesen, diese Potenziale zu fördern – nicht nur für die Kinder selbst, sondern für das gemeinsame Miteinander und unsere Zukunft.

Mehr Infos: www.nachbarinnen.at/lernhilfe

Stimmen der Kinder:

„Das Schönste war Eis essen und quatschen. Mathe lernen hat Spaß gemacht, weil ich Sachen verstanden habe.“

„Christine hat mir beim Buchreferat sehr gut geholfen. Wir haben gemeinsam eine Lesekiste gebastelt. Das Einmaleins habe ich mit ihr regelmäßig geübt und ich wurde auch immer besser.
Das Schönste war der Ausflug ins Haus des Meeres.“

„Mir hat gut gefallen, dass man die Hausübungen nicht alleine machen musste und dass mir jemand zuhören wollte.“

„Ich kann jetzt besser schreiben und habe neue Wörter gelernt. Ich habe schneller lesen gelernt. Ich kann besser Deutsch verstehen. Aber die Ausflüge haben mir am besten gefallen, vor allem der Kletterpark.“

Stimmen der Eltern:

„Er macht seine Hausübungen brav, bevor die Lernhelferin kommt, und ich sehe, dass er abends manchmal liest, bevor er ins Bett geht.“

„Ich glaube, dass Deni gelernt hat, mehr über sich nachzudenken und darüber zu sprechen (seine Wünsche und Ideen zu äußern).“

Stimmen der Lernhelfer*innen:

„Es war schön, zu sehen, wie Uman sich von Woche zu Woche mehr öffnet und wir ganze Gespräche auf Deutsch führten.“

„Madia hat die Bücher, die ich regelmäßig mitgenommen habe, mit Freude gelesen. Ihre Lesekompetenz wurde dadurch deutlich gesteigert.“

„Der größte Erfolg war, dass Amir sich freute, eine 3 auf die letzte Schularbeit zu bekommen, und dass er beim Ausflug mutig wurde und gelöst lachte (er lacht sonst fast nie).“

Der Verein NACHBARINNEN in Wien wurde 2012 von Dr.in Christine Scholten und DSA Renate Schnee gegründet, um migrantischen Frauen den Weg aus der Isolation hin zu mehr Selbstbestimmung, sozialer Teilhabe und Lebensfreude zu ermöglichen. Viele dieser Frauen leben stark abgeschottet in ihren Communities – ohne Zugang zu Bildung, Erwerbsarbeit oder öffentlichen Angeboten. Durch gezielte Unterstützung gelingt der Schritt hinaus in ein selbstbestimmtes Leben.

Für die Gesellschaft bedeutet das: weniger Ausgrenzung, mehr Fachkräfte, geringere Sozialausgaben, mehr sozialer Zusammenhalt – und weniger Anfälligkeit für extremistische Strömungen.

Der Verein bietet ein breites Spektrum an Integrationsangeboten:

  • Empowerment-Programme
  • Lernhilfe für Kinder und Mütter
  • Nähwerkstatt
  • Bildungs- und Kulturprojekte


Seit der Gründung wurden rund 4.000 Familien in Wien begleitet. Die NACHBARINNEN – die Sozialassistentinnen – sind Frauen mit eigener Migrations- oder Fluchtgeschichte. Heute setzen sie ihre Erfahrungen ein, um andere zu unterstützen – kultursensibel, praxisnah und mit sozialarbeiterischer Kompetenz.

Bild von Marie Boller, Verein NACHBARINNEN

Marie Boller, Verein NACHBARINNEN

Marie Boller ist ausgebildete Betriebswirtin und Sozialarbeiterin. Nach jahrelanger Führungstätigkeit in arbeitsmarktpolitischen Projekten leitet sie seit 2023 die Lernhilfe und die kaufmännischen Agenden des Vereins NACHBARINNEN.
Foto: © Johannes Meran

Wenn Alleinerziehende ungleich behandelt werden, zeigen wir das auf.

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